Im Portrait: Dr. Aloízio Mercadante Oliva, brasilianischer Minister für Forschung und Technologie

Aloizio Mercadante wurde im Januar 2011 zum Minister für Wissenschaft und Technologie auf nationaler Ebene berufen. Bei seinem Amtsantritt kündigte er an, ehrgeizige Forschungsprojekte aus der Planungsphase in die Umsetzung bringen zu wollen. Hierzu zählen ein neuer Nuklear-Reaktor, ein modernes Synchrotron und eine Station zur Echtzeit-Beobachtung des maritimen Ökosystems („Amazônia Azul“).

Dr. Aloízio Mercadante Oliva, brasilianischer Minister für Forschung und Technologie
(Quelle: Internationales Büro des BMBF, Christiana Tings.)

Herr Minister, Sie haben davon gesprochen, teure Projekte umsetzen zu wollen. Es scheint, dass Sie große Investitionen planen.

Wenn man heute auf Brasilien schaut, sieht man, dass wir nicht in kleinen Kategorien denken dürfen. Wir verfügen über Spitzentechnologie, zum Beispiel in der Landwirtschaft. Schauen Sie sich das Forschungsnetzwerk für Landwirtschaft Embrapa an. Die brasilianische Landwirtschaft hat einen Überschuss von mehr als 70 Mrd. USD erwirtschaftet. Heute exportiert Embrapa Technologie nach Afrika. Die Aeronautik ist mit dem Institut für Luft- und Raumfahrttechnik (ITA), dem Zentrum für Luft- und Raumfahrt (CTA) und Embraer ein weiteres Erfolgsmodell. Auf den Gebieten, auf denen Brasilien seine Kräfte gebündelt hat, haben wir Erfolge erzielt. Wir arbeiten an einem Projekt zum Bau eines neuen Synchrotrons der dritten Generation in Campinas (SP). Die gegenwärtige Anlage aus dem Jahr 1988 wird jährlich von etwa 3.000 Personen aus unterschiedlichen Forschungsgebieten genutzt. Bei der Umsetzung dieses Projekts, das ungefähr BRL 350 Millionen kosten wird, sind wir auf Partner angewiesen.

Ich habe auch Gespräche über das Labor für Nanotechnologie an der staatlichen Universität Unicamp geführt und über den Mehrzweckreaktor, dessen Bau in Iperó (SP) geplant ist und der zur Herstellung von Radiopharmazeutika dienen soll - die Kosten belaufen sich auf circa BRL 800 Millionen.

Wir müssen unsere Kräfte auf die neuen Wissensgebiete konzentrieren und an Projekte im Bereich der Nano- und Biotechnologie denken. Im internationalen Wissenschaftsranking nehmen wir heute Platz 13 ein und unser Einfluss steigt. Aber beim Thema Innovation stehen wir noch vor einer Herausforderung.

Worin besteht die Herausforderung bei der Innovation?

Wir müssen den rechtlichen Rahmen und die Anreize für Innovationen überdenken. Wir kommen aus einer Kultur der Industrie, die Innovation nicht gefördert hat. Wir haben eine lange Zeit hinter uns, in der es keine Importe und somit auch keine Innovation gab. Jetzt, mit der wirtschaftlichen Stabilität, wächst Brasilien wieder, und es ist an der Zeit, Instrumente zu schaffen, damit die Unternehmen wirklich auf Forschung und Entwicklung achten, besonders im Bereich der Nachhaltigkeit.

Widerspricht die Investition in fossile Rohstoffe nicht Ihrer „grünen“ Zielsetzung?

Erdöl ist keine erneuerbare Energie, aber ein Rohstoff, aus dem immer noch 3.000 Produkte erzeugt werden: die gesamte Produktionskette für Naphtha, Plastik, etc. Die Wirtschaft hängt sehr stark vom Rohöl ab. Wir müssen das intelligent nutzen. Aber wir müssen auch in erneuerbare Energien investieren, wie Wind- und Sonnenenergie. Wenn wir gerade von Nachhaltigkeit sprechen: Zurzeit beginnen wir mit einer Studie über das Biotechnologiezentrum für das Amazonasgebiet (CBA).

Das CBA verfügt über eine riesige Struktur, die momentan aber brach liegt.

Das Zentrum verfügt über hervorragende Laboreinrichtungen. Momentan prüfen wir aber eventuelle Kooperationen mit Unternehmen aus dem Pharma- und Lebensmittelbereich. Mein vorrangiges Ziel ist es, den im Amazonasgebiet bereits vorhandenen Produkten zusätzlichen Wert zu verleihen, zum Beispiel den Açaí-Früchten und den Paranüssen. Wir müssen nachhaltige Alternativen für die dort ansässigen 25 Millionen Menschen schaffen. Die wissenschaftliche Forschung ist wichtig für die Diversifikation dieser Produktionsketten.

Aber es gibt noch Unternehmer, die beim Thema Innovation in Brasilien unsicher sind.

Sowohl Forschung als auch Innovation stellen ein Risiko dar. Oft forscht man nach etwas und entdeckt nicht, was man sich erhofft hat. Aber durch die fehlgeschlagene Forschung verringert man den Bedarf an weiteren Studien. Der Umstand, dass man nicht das Erhoffte erreicht, muss nicht negativ sein. Bei der Innovation ist es dasselbe.
Worüber ich zu reden beginne, sind die Formen, wie Innovation finanziert wird.

Zum Beispiel?

Eine Idee ist, die finanzierenden Banken zu Teilhabern am Endprodukt der Innovation zu machen. D. h., sie beteiligen sich am Risiko, haben aber im Falle eines Erfolgs auch Anteil am Gewinn. Das ist das US-amerikanische Modell. Wir müssen prüfen, wie sich das machen lässt. Da wir noch nicht über einen entsprechend entwickelten industriellen Markt verfügen, müssen die öffentlichen Banken einspringen. Wir werden uns sehr darum bemühen, dass die Finep zu einer innovationsfördernden Finanzeinrichtung wird. Sie soll auch weiterhin die Forschung fördern, aber auch zu einer Bank für Innovation werden. Wenn das gelingt, wird es viel mehr Handlungsspielraum geben. Es ist notwendig, Kooperationen mit Unternehmen einzugehen. Der Nationale Rat für Wissenschaftliche und Technologische Entwicklung (CNPq) zum Beispiel vergibt Stipendien, damit Forscher in Unternehmen tätig werden. Innovation braucht Förderung.

Es scheint, als gäbe es nur gute Nachrichten für die nächsten Jahre.

(Lachen) Noch eine gute Nachricht ist das Nationale Labor „Blaues Amazonien“ (Amazônia Azul). Wir verfügen bereits über ein Modell für die Laborstruktur; eine Sonde für den Einsatz auf hoher See. Ich habe Gespräche mit den fünf wichtigsten ozeanografischen Fakultäten des Landes und verschiedenen Unternehmen wie Vale, Braskem und Petrobras über die Umsetzung dieses Projekts geführt. Es wichtig, das Meer zu kennen, die Nahrungsketten, die Meeresströmungen, die Wellen … Die Erforschung des Meeres kann zum Beispiel zu Innovationen bei Pharmaka oder mineralischen Ressourcen führen.

Reicht der Haushalt für all diese Ziele? Die Mittel des Ministeriums für Wissenschaft und Technologie wurden im Vergleich zum Vorjahr um 10 % gekürzt.

Der einzige Weg, um alles zu erreichen, sind Kooperationen. Wir haben zwei Forschungsschiffe in der Marine, Petrobras verfügt über Plattformen, wir haben eine Sonde, die sich für Forschungszwecke eignet und nicht mehr für kommerzielle Zwecke. Die mit dem Erdöl verbundene Logistik wird das auch möglich machen. Wir können diese Logistik für das Labor nutzen. Das Meer ist es wert. Wir durchleben eine Phase mit Haushaltsbeschränkungen. Das Land hat große Anstrengungen unternommen, um aus der Krise zu kommen, die ganze Welt hat das gemacht, und wir müssen die Verschuldung weiter senken. Dann können die Zinsen sinken und das Land kann stärker wachsen.

Und was die Naturkatastrophen betrifft? Sie haben ein Programm gegen Naturkatastrophen angekündigt. Wie sieht das aus?

Das Programm umfasst verschiedene Aspekte. Erstens, der Bereich technischer Einrichtungen und der Klimavorhersage. Wir verfügen jetzt über einen Supercomputer im Nationalen Institut für Raumforschung, INPE, der Satellitendaten auswertet. So können wir die Genauigkeit bei der Vorhersage des Niederschlagsgebiets von bisher 20 km auf 5 km erhöhen. Wir brauchen Wetterradare, die Niederschlagsgebiete genauer erfassen können; etwa sechs Stunden, bevor es regnet. Außerdem brauchen wir etwa 700 Niederschlagsmesser, die wir in den gefährdeten Gebieten aufstellen werden. Zusätzlich müssen wir geomorphologische Erhebungen in den Risikogebieten durchführen, was noch nicht geschehen ist. Diese Erhebung soll zu einem Plan führen, um die Bevölkerung zu evakuieren. Wir beabsichtigen, dies bereits im kommenden Sommer umzusetzen, um gute Ergebnisse zu erzielen. Die bestmöglichen Ergebnisse. Die größte Herausforderung stellen die ärmsten Regionen dar. Wir müssen tief in das Herz Brasiliens eintauchen.