Im Portrait: Dr. Ricardo Schuch, Geschäftsführer des Brasilienzentrums der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU)

Mit über 20 Kooperationen, unter anderem in den Bereichen, Nano-, Bio-, und Kommunikationstechnologie, Gesundheits- sowie Energieforschung, aber auch in den Rechts- und Erziehungswissenschaften ist die Universität Münster laut der deutsch-brasilianischen Außenhandelskammer in São Paulo die brasilienaktivste Hochschule Deutschlands. Seit Juni 2010 werden alle Brasilien-Aktivitäten der WWU im Brasilien-Zentrum gebündelt. Geschäftsführer ist Dr. Ricardo Schuch.

Dr. Ricardo Schuch, WWU Münster

 

Dr. Schuch, hätten Sie es vor zehn Jahren für möglich gehalten, dass es an der WWU ein Brasilienzentrum gibt?

Gewiss nicht! Damals war ich nicht einmal Mitarbeiter der Universität. Eine mitwirkende und gestaltende Rolle bei der Etablierung und Unterstützung deutsch-brasilianischer Beziehungen im akademischen Bereich habe ich mir jedoch immer schon vorgestellt. Ungefähr zu diesem Zeitpunkt habe ich mich dann entschlossen, meine Kompetenzen in diesen Bereich einzubringen, und vor allem meine sehr guten Kontakte nach Brasilien zu nutzen. Wegen der jahrelangen Erfahrungen in der Kooperation mit brasilianischen Institutionen war die Arbeitsstelle Forschungstransfer (AFO) der WWU die ideale Plattform. Dort bin ich vom Anfang an und immer wieder brasilianischen Praktikanten begegnet, habe beim Empfang brasilianischer Delegationen in die WWU und der Organisation wissenschaftlicher Delegationsreisen nach Brasilien mitgewirkt, an diversen Deutsch-Brasilianischen Wirtschaftstagen in Deutschland und in Brasilien teilgenommen und die ersten Deutsch-Brasilianischen Biotechnologie Foren mitorganisiert. Somit konnte ich im Dienste der AFO nach und nach ein wertvolles Netzwerk von Kontaktpersonen und -stellen aufbauen, auf das ich nun für die erfolgreiche Durchführung der Aufgaben des Brasilien-Zentrums zurückgreifen kann.

Welche universitären und persönlichen Ziele möchten Sie mit dem Brasilien-Zentrum verwirklichen?

Für gewöhnlich neigen die Menschen dazu, sich auch gedanklich relativ eng in der eigenen Umgebung zu bewegen. Ich habe in der Universidade de São Paulo (USP), Pharmazie und Biochemie studiert. Nach dem Master Studium und nachfolgendem Forschungsaufenthalt als DAAD-Stipendiat in Münster habe ich dort auch promoviert. Viele Jahre war ich in der Life Science Forschung tätig, zunächst als Lehrkraft der USP und später als wissenschaftlicher Mitarbeiter der WWU und des Instituts für Chemo- und Biosensorik in Münster. Da liegt natürlich die Vermutung nahe, dass man eher ein Auge für die Naturwissenschaftsforschung hat und daher tendenziell in diesem Bereich universitäre Kooperationen mit Brasilien suchen würde. Wenn ich aber eines in meiner langen Karriere gelernt habe, ist es, über den Tellerrand zu sehen und mich über so viele Fachgebiete wie möglich zu informieren. Die WWU ist in den Geistes- und Sozialwissenschaften eine der stärksten Universitäten in Deutschland und eine der wenigen, die eine Musikhochschule als Fachbereich integriert. Darüber hinaus belegt die WWU deutschlandweit und international in der Chemie und Pharmazie, Medizin, Physik sowie in den Wirtschaftswissenschaften und Rechtswissenschaften Spitzenplätze. Die Batterieforschung und Zukunftstechnologien - wie Biotechnologie und Nanotechnologie - zählen zu deren Stärken. Mit diesem Hintergrund versteht sich das Brasilien-Zentrum als eine fachübergreifende Stelle zur Unterstützung der Brasilien-Aktivitäten in allen Fachbereichen der Universität. Die Anbahnung von neuen Kooperationen, die Ausschreibungsüberwachung von Förderprogrammen und das Recherchieren von neuen Förderungsmöglichkeiten sind dabei Schlüsselaufgaben. Persönlich möchte ich mich für die Etablierung von gemeinsamen Studiengängen und double degree- Abschlüssen sehr stark einsetzen. Ganz besonders muss das Brasilien-Zentrum darauf achten, dass die Kooperationsaktivitäten sich nicht nur auf die ohnehin schon exzellenzgekrönten Universitäten der Süd und Südostregionen Brasiliens konzentrieren.

Wie sehen Ihre Pläne aus für die Repräsentanz des Brasilien-Zentrums der WWU in São Paulo?

Die Repräsentanz des Brasilien-Zentrums in São Paulo soll im Wesentlichen den direkten Kontakt mit strategischen Partnern, wie die brasilianischen Universitäten und Förderagenturen CAPES, CNPq und FAPs sowie den deutschen Repräsentationen, wie Botschaft und Konsulaten vor Ort ermöglichen. Die Ansiedlung im Deutschen Wissenschafts- und Innovationshaus bietet durch den permanenten Austausch mit Vertretern vom DAAD und DFG sowie Repräsentanzen anderer deutscher Universitäten und Hochschulen eine ideale Umgebung. Solch eine Präsenz vor Ort erlaubt uns einerseits auf Ausschreibungen von lokalen Förderprogrammen und Interessensankündigungen brasilianischer Forschungsgruppen schnell zu reagieren, andererseits vereinfacht sie die Organisation von einzeln Besuchen bzw. Delegationsreisen sowie die Partnerfindung. Wir versprechen uns einen erheblichen Anstieg des Interesses brasilianischer Forscher und Studierenden für die WWU. Last but not least stellen wir uns auch eine Rolle als Brückenkopf in Brasilien für andere interessierte deutsche Hochschulen vor. Die geeignete Person für diesen Posten wird zurzeit gesucht.

Im September 2010 waren Sie bei der Promotion-Tour deutscher Hochschulen in Brasilien unterwegs. Was erwarten brasilianische Wissenschaftler von einem Studien- oder Forschungsaufenthalt in Deutschland, was bietet die Uni Münster?


Zunächst möchte ich hier, auch im Namen meiner mitfahrenden Kollegen und des Brasilien-Zentrums, ein ganz herzliches Danke für die exzellente und reibungslose Organisation dieser Promotion-Tour durch die brasilianische Vertretung des DAAD aussprechen. Alle Veranstaltungen sind absolut erfolgreich verlaufen und wir waren von dem hohen Interesse der brasilianischen Seite sehr beeindruckt. Die Zielgruppe der Tour waren Studierende in den brasilianischen Universitäten. Groß war das Interesse nicht nur an einem Studium, sondern auch an einem Austauschpraktikum. An unserem Stand bei der Messen in Rio de Janeiro, Belo Horizonte und São Paulo hatten die Interessenten die Gelegenheit, sich über unsere Angebote an Bachelor und Master Studiengängen sowie über Graduiertenkollegs zu informieren. Obwohl die Frage nach Angeboten in englischer Sprache groß war, war die beachtliche Zahl von Interessenten mit Deutschkenntnis erfreulich. Auch viele Studenten von brasilianischen Graduiertenkollegs, mit einer Absicht auf einen Forschungsaufenthalt in Münster, besuchten unsere Messenstände. Die Frage nach Masterstudien war besonders groß. Die Unterschiede der brasilianischen und deutschen Systeme im Masterabschluss, insbesondere hinsichtlich der Anerkennung des Titels, haben wir immer wieder erläutert.

Im November richten Sie einen Bionik-Workshop in Brasilien aus. Was steht sonst noch im gemeinsamen Wissenschaftsjahr auf dem Programm?


Dieser Workshop - die Master Class „Inspired by Minds and Nature“ - veranstaltet die AFO gemeinsam mit der UFSC (Bundesuniversität von Santa Catarina) vom 19. November bis zum 2. Dezember in Florianópolis. Außer der Master Class erscheinen bereits zwei weitere Projekte der WWU im Kalender des Wissenschaftsjahres: das Symposim GeoChange vom Institut für Geoinformatik gemeinsam mit dem INPE (die brasilianische Weltraumbehörde) am 27. November in Campos do Jordão und das „Leadership Training Programm“ auch von der AFO in Partnerschaft mit dem DWIH São Paulo ab dem 7. Februar 2011 in Münster. Außerdem haben wir weitere neun Projekte beantragt und warten auf die Begutachtung der Skizzen.

 

Kontakt

Dr. Ricardo Schuch

Geschäftsführer Brasilienzentrum

WWU Münster

Robert-Koch-Straße 29

48149 Münster

+49 (0)251 83-32135

schuch@uni-muenster.de