Im Porträt: Frau Dr. jur. Irma de Melo-Reiners, Geschäftsführerin von BAYLAT

Das Bayerische Hochschulzentrum für Lateinamerika (BAYLAT) mit Sitz an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg ist eine zentrale Beratungs- und Koordinierungsstelle bayerischer Hochschul- und Forschungseinrichtungen. Dieses Kompetenzzentrum wird finanziert vom Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst. Geleitet wird es von Frau Dr. jur. Irma de Melo-Reiners, die aus Brasilien stammt.

Foto: BAYLAT 
1. Frau de Melo, bitte erzählen Sie kurz etwas über Ihren Werdegang.

In meiner Heimatstadt São Bernardo do Campo, Großraum São Paulo, sind mehrere deutsche Firmen ansässig, die sehr angesehen sind. Nachdem ich mein Jurastudium abgeschlossen hatte, kam ich 1992 nach Deutschland, um endlich dieses Land selbst kennen zu lernen. Ich habe dann an der Universität Erlangen-Nürnberg einen Magister Legum absolviert, um im Anschluss an der Universität Frankfurt a.M. in Rechtswissenschaften zu promovieren (Thema „Regenwaldschutz in Brasilien und das Umweltvölkerrecht – Die Amazonasfrage als internationaler Streitfall“). Ich komme also aus der Wissenschaft, habe darüber hinaus aber auch jahrelang als Brücke zwischen Deutschland und Brasilien fungiert – etwa durch meine Mitwirkung bei mehreren Projekten im Hochschulbereich, bei der Organisation von hochrangigen Delegationsreisen und anderen Gelegenheiten und habe auch schon in der Aufbauphase bei BAYLAT mitgearbeitet. Eben diese Mischung von Erfahrungen in den Bereichen Wissenschaft, Projektmanagement und Interkulturelle Kommunikation sind wichtige Elemente für meine jetzige Tätigkeit.

2. Wie wird der deutsche Bildungsbetrieb in Brasilien, wie der brasilianische in Deutschland wahrgenommen?

Bei der 27. Sitzung der gemischten Kommission für die wissenschaftlich-technologische Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Brasilien am 31. Mai 2010 wurde festgestellt, dass in beiden Ländern immer noch ein niedriger Kenntnisstand zum Bildungsbetrieb des jeweils anderen herrscht. BAYLAT kann hier gute Informationsmöglichkeiten bieten. Generell ist der deutsche Bildungsbetrieb in Brasilien recht hoch angesehen, während deutsche Wissenschaftler Brasilien manchmal unterschätzen, doch wer sich mit Brasilien beschäftigt, ändert hierüber schnell seine Meinung. Um die Möglichkeiten eines erfolgreichen Austausches zwischen beiden Ländern zu verbessern, sollte auch die Sprachvermittlung gestärkt werden.

3. Welche Rolle spielt BAYLAT?

Im Bezug auf die deutsche Sprache hat BAYLAT das Projekt „Germanistik in Lateinamerika“ ins Leben gerufen, das von der Bayerischen Staatskanzlei und dem DAAD unterstützt wird, um die Beschäftigung mit der deutschen Sprache und Kultur zu stärken und im Zuge dessen auch den Austausch auf dem Gebiet der Geisteswissenschaften zu fördern. Generell leistet BAYLAT im Zusammenhang mit der Internationalisierungsstrategie der Bundesregierung, der Universität Bayern e.V. und der Hochschule Bayern e.V. Hilfestellung bei multilateralen Kooperationen auch mit der Wirtschaft. Die regionalen Disparitäten, die im Bildungsbereich in Brasilien herrschen, möchten wir mildern, indem wir hier gute Hochschulen etwa aus dem Norden Brasiliens bekannt machen.
Durch den Aufbau eines Qualitätsnetzwerkes möchte BAYLAT im Sinne der Internationalisierung der bayerischen Hochschulen Menschen mit gleichen wissenschaftlichen Interessen zusammenbringen.

4. Welche Aktivitäten haben Sie für dieses Jahr, das deutsch-brasilianische Wissenschaftsjahr, geplant?


Wir machen das DBWTI bei den bayerischen Hochschulen bekannt, um sie zu Aktionen mit Brasilien zu animieren. Darüber hinaus ist die Unterzeichnung eines Abkommens zwischen den Bundesländern Santa Catarina und Bayern zur Etablierung eines BAYLAT-Praktikumsprogramms geplant. Zusammen mit bayerischen Hochschulen wird BAYLAT außerdem im September 2010 auf der Hochschulmesse „Estudar na Alemanha“ in Brasilien mit einem Infostand vertreten sein. Weiterhin ist ein Delegationsbesuch von Rektoren der ACAFE-Vereinigung aus Santa Catarina in Bayern geplant, den BAYLAT neben weiteren Besuchen von Delegationen aus Brasilien organisieren wird. Als Partner des DBJWTI wird BAYLAT noch weitere Möglichkeiten wahrnehmen, um die lange Tradition der bayerisch-brasilianischen Zusammenarbeit zum Nutzen beider Partner fortzusetzen. Besondere Chancen sehe ich dabei in der Intensivierung der Zusammenarbeit von Partnern aus Wissenschaft und Wirtschaft.


5. Wie groß ist das Interesse der Studierenden/Wissenschaftler am anderen Land und in welchen Fachbereichen kann man dieses Interesse besonders erkennen? 

Das Interesse am Austausch ist sehr groß, Brasilien ist der wichtigste Partner der deutschen Hochschulen in Lateinamerika. Derzeit sind im Hochschulkompass der HRK 235 formalisierte Kooperationen zwischen deutschen und brasilianischen Hochschulen verzeichnet, davon 30 in Bayern. In Deutschland studieren zurzeit 2.100 junge Menschen aus Brasilien. Besonderes Interesse besteht etwa in den Bereichen Medizin, Biotechnologie, Ingenieurswissenschaften, Nanotechnologie, Luft- und Raumfahrt, Umwelt, Erneuerbare Energien, Nachhaltigkeit und Informations- und Kommunikationstechnologie.

6. Was können Brasilianer und Deutsche voneinander lernen?

Ich denke, dass eine Mischung aus genauem Planen, Flexibilität und Improvisation das beste Rezept für Erfolg und Zufriedenheit ist – und eine Zusammenarbeit zwischen Deutschen und Brasilianern ergibt genau diese erfolgreiche Mischung. Das hohe Ansehen Deutschlands in Brasilien ist dafür eine fruchtbare Basis.